Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis - Pater Michael Plattig O.Carm.
Gen 18,1-10a/Lk 10,38-42/18.7.10/-Münster Mauritz
Traditionell wurde und wird das heutige Evangelium ausgelegt im Hinblick auf das Verhältnis von Gebet bzw. Meditation und Arbeit oder klassisch formuliert das Verhältnis von Kontemplation und Aktion. Die Rollen sind klar verteilt, Maria vertritt die Kontemplation, Martha die Aktion und Jesus bewertet eindeutig die Kontemplation als das Bessere. Manchen Betrachtern allerdings war diese eben skizzierte Lösung zu einfach und sie störten sich an der scheinbaren Eindeutigkeit.
Vom Mönchvater Abbas Silvanos auf dem Berg Sinai wird folgendes überliefert: „Einmal kam ein Bruder zu ihm und sagte als er die Mönche arbeiten sah: `Arbeitet doch nicht um die vergängliche Nahrung (Joh 6,27). Maria hat den guten Teil erwählt (Lk 10,42).´ Da sprach der Greis zu seinem Schüler: `Zacharias, bring dem Bruder ein Buch und schließe ihn in eine Zelle ein, wo er weiter nichts hat.´ Als es nun die neunte Stunde war, schaute jener Bruder auf die Türe, ob sie nicht jemand schicken würden, der ihn zum Essen riefe. Als ihn niemand holte, stand er auf, kam zum Greis und fragte ihn: `Haben die Brüder heute nicht gegessen?´ Der Greis antwortete: `Doch!´ Er sagte weiter: ´Warum habt ihr mich dann nicht geholt ?´ Der Greis entgegnete: `Nachdem du ein geistiger Mensch bist, brauchst du diese Nahrung nicht. Wir fleischlichen Menschen jedoch müssen essen, und darum arbeiten wir. Du aber hast den guten Teil erwählt, indem du den ganzen Tag liest und keine fleischliche Speise essen willst.´ Wie der Bruder das hörte, fiel er ihm zu Füßen und sagte: `Verzeih mir, Vater.´ Und der Greis belehrte ihn: `Durchaus braucht Maria die Martha, denn wegen der Martha wird auch die Maria gerühmt.“ (Apo 860)
Diese Deutung stellt den einfachen Sinn der Geschichte fast auf den Kopf. Doch Abbas Silanos ist kein Einzelfall, immer wieder wird die Geschichte von Maria und Martha so ausgelegt. Ich möchte noch Meister Eckhart anführen. In einer Predigt versucht er deutlich zu machen, daß Martha diejenige ist, die weiter vorangeschritten ist, sie ist nämlich schon zum Tun gelangt, sie hat das Hören bereits hinter sich. Maria muß erst noch hinhören, damit sie erkennt was ihr Weg ist und zum rechten Tun gelangt. Das Wort Jesu, so Eckhart, ist keine allgemeine Aussage, sondern verdeutlicht, daß jetzt eben, im Moment für Maria das Zuhören wichtiger ist und sie deshalb für sich den besseren Teil erwählt habe. Ziel bleibt aber die Haltung der Martha, daß aus dem Hören das Tun folgt.
Maria und Martha lassen sich also nicht gegeneinander ausspielen, sie sind die zwei Seiten der einen Nachfolge und sie sind aufeinander verwiesen. Beide, so schreibt Teresa von Avila, müssen zusammenkommen, damit Jesus gut aufgenommen ist, Maria, die zuhört und Martha, die ihn bedient. Wäre nur Maria da, würde er ja Hunger und Durst leiden müssen.
Alles schön und gut, so denken Sie vielleicht, aber was hat das mit heute, konkret mit uns zu tun, sind das nicht kluge geistliche Fingerspielchen von Menschen, die in ganz anderen Verhältnissen lebten ?
Die Grundaussage ist damals wie heute die gleiche, Zuhören, Gebet, Meditation, Kontemplation und Arbeit, Tun, Werke, Engagement müssen zusammenkommen und sind aufeinander bezogen, wenn Nachfolge Christi gelebt werden soll.
Das gilt für jeden einzelnen, fragen Sie sich doch einmal in einer stillen Stunde, wie sich bei ihnen diese beiden Seiten zueinander verhalten?
Dabei ist klar, daß es hier nicht um ein absolutes Gleichgewicht gehen kann, einmal wird rein biographisch die eine, manchmal die andere Seite überwiegen, der eine ist eher dem Zuhören und Nachdenken, der andere eher dem Zupacken und Handeln zugetan. Wichtig ist allerdings dass beide Elemente vorkommen und in einer Balance stehen.
Wenn ich mir nun die Auslegung Meister Eckharts vergegenwärtige und mich einmal frage, was vielleicht heute, jetzt, in unserer Situation angesagt wäre, dann scheint mir, dass die Haltung der Maria durchaus eine notwendige Anfrage an unseren Pastoralbetrieb und an uns persönlich sein könnte.
Mir scheint, dass es an Aktivitäten nicht fehlt, hunderte von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in Diözesen und Gemeinden arbeiten an vielen, vielen religiösen und sozialen Projekten, für jedes Problem gibt es einen Schreibtisch im Generalvikariat, der Papierausstoß einer deutschen Diözese ist gewaltig, viele Amtsträger klagen über Stress und Überlastung und manchen rafft dieser Stress tatsächlich vorzeitig dahin.
Und wie steht es in unserem Leben? Wer heute nicht unter Stress steht, der ist ja schon verdächtig, wer heute Zeit hat zum Nachdenken oder für andere, von dem vermutet man, dass er wohl nichts Richtiges zu tun habe oder sogar faul sei. Es ist paradox, noch nie hatten wir statistisch so viel Freizeit und noch nie, so hat man den Eindruck, hatten wir so wenig Zeit.
Also an Aktivitäten mangelt es offenbar nicht. Doch fehlt diesen Aktivitäten vielleicht manchmal der Sinn? Entspringen sie dem Zuhören, wie das Meister Eckhart für Martha annahm, oder entspringen sie der Flucht vor der Stille, der Flucht vor dem Nachdenken? Laufen sich nicht deshalb vielleicht auch viele Aktionen unserer Kirche und unserer Gemeinden tot, weil sie Aktionismus, bloßes Tun ohne Zuhören, ohne Muße, ohne Stille sind?
Simone Weil hat einmal geschrieben: „Von mir wird nichts weiter verlangt als Aufmerksamkeit.“ Ein kühnes Wort, doch betrachten wir es einmal näher. Auf-merk-sam-keit, da steckt auf drin, sich aufmachen, sich öffnen, offen werden. Es steckt merken darin, etwas merken, etwas mitbekommen, etwas wahrnehmen. Sich öffnen, um etwas mitzubekommen etwas zu merken, das braucht Aufmerksamkeit, das braucht Behutsamkeit und Zeit, das braucht Muße und Stille. Zuhören, aufmerksam sein, der Botschaft Jesu gegenüber, dem Wort Gottes, das uns in der Schrift, aber auch in der Schwester und im Bruder neben uns begegnet, aufmerksam sein für diese Menschen um uns, die Nahen und die Fernen, um etwas zu merken, um zu verstehen, zu entdecken, was Gott mir sagen will, um zu merken, mitzubekommen, was der andere jetzt gerade braucht, was jetzt notwendig ist, was jetzt die Not des anderen wendet.
So wird deutlich, dass aus richtigem Zuhören, aus wirklicher Aufmerksamkeit wie von selbst das angemessene Tun folgt, die Aktion sich ergibt, doch fehlt diesem Tun jetzt die Hast, es kommt aus der Mitte und entspringt dem aufmerksamen Zuhören. „Von mir ist nichts weiter verlangt als Aufmerksamkeit.“ Bei aller Wichtigkeit von Maria und Martha, ist in unserer Zeit vielleicht doch die Haltung der Maria die wichtigere, damit wir wieder aus der Mitte, aus dem Hören leben und in aller Betriebsamkeit den Sinn nicht verlieren. AMEN
Jesus ist Christus und lebt!
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Jesus ist Christus und lebt!
Als die Frauen ihn einbalsamieren wollen, erschrecken sie. Das Grab ist leer. Alles ist anders als erwartet.
Unerhört die Botschaft: Jesus lebt. Er ist nicht bei den Toten zu finden.
Diese Nachricht lässt den Atem stocken. Aber sie bringt Menschen in Bewegung - innerlich und äußerlich. Sie reißt heraus aus Ratlosigkeit und Erstarrung. Die Frauen gehen vom Grab weg und berichten das Erlebte den Jüngern. Petrus rennt zum Grab, um zu prüfen und Gewissheit zu finden. Auch für uns gilt es, den sicheren Standpunkt unserer Erfahrung zu verlassen und uns einzulassen auf das Un-Erwartete unseres Glaubens. Er, der lebt, ist nicht bei den Toten. Wo ist Er dann? Und wo bin ich?
Nicht zu Totenwächtern eines leeren Grabes sind wir bestellt, sondern zu Zeuginnen Seiner Auferstehung. Jesus ist Christus und lebt! Das dürfen wir glauben, daraus leben, und es weitersagen auf jede uns mögliche Weise.
Herr, lenke unsere Schritte auf den Weg eines lebendigen und zeugungsfähigen Glaubens.
Wir wünschen Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest. Möge es uns beschenken mit Hoffnung, Lebens- und Glaubensfreude und mögen wir den Mut haben, sie weiterzugeben.
Schwester M. Birgitte Herrmann
Provinzoberin